Das erste Märchen, oder: Wie Míša ihr Zehlein verlor
Drei Wörter, was ist das? Drei Wörter sind meine Lieblingsdisziplin. Schon seit die Kinder ganz klein waren, habe ich ihnen Märchen erzählt. Meistens hat es mich aber nicht besonders gereizt, Klassiker vorzulesen, und weil ich die Märchen nicht in ulkige oder andere Versionen umschreiben wollte, habe ich angefangen, Märchen für die Kinder zu erfinden. Abends haben wir immer das Nachtlicht ausgemacht, und die Kinder haben Wörter ausgedacht. Immer drei, damit sich daraus schnell ein sinnvolles Märchen oder eine Geschichte bauen ließ.
Manchmal haben die Kinder gebettelt: „Papa, nimm noch ein Wort extra.“ „Das ist ungerecht, dass Luky ein Wort extra hat…“ Nun, ich finde, auch drei sind genug. Als die Kinder dann begriffen, dass es sich lohnen würde, den Papa in dieser Disziplin ein bisschen vorzuführen, dachten sie sich schon tagsüber aus, wie sie es mir richtig schwer machen. Die Kombination Henne-Mähdrescher-Stern war super, aber zum Beispiel Kosmonaut-Kimono-Herz ist schon ein hartes Brett. Aber ich glaube, ich habe mich immer gut geschlagen.
„Sanft eine Weisheit einweben, und es wirkt von allein."
Wie Míša ihr Zehlein verlor
Immer habe ich versucht, in die Geschichte ein wenig Weisheit zu legen, damit sie Sinn ergibt und auch ein bisschen lehrreich ist. Ich meine damit nichts wie, wenn du abends aufräumst, wirst du ein besserer Mensch… das, glaube ich, hätten die Kinder sofort durchschaut. Immer war es pfiffiger und, wie ich finde, auch liebevoll.
An mein erstes Märchen erinnere ich mich bis heute. Es war für Míša. Die Wörter hat sie noch nicht selbst gewählt, also habe ich sie selbst gewählt: Míša-Freunde-Zeh. Klare Vision, klares Ziel. Ich weiß, dass jeder Elternteil im Kindergarten von Zeit zu Zeit irgendeinen Zusammenstoß, einen Schubs oder eine Beule klären muss. Ich meine nicht die Beule, sondern die klassische Rangelei und ob sie Freundin oder nicht sind. Einfach: Verča ist keine Freundin, jetzt ist es Eliška. Und am nächsten Tag ist es umgekehrt. Wer kennt das nicht.
Also bin ich pfiffig vorgegangen und habe ein Märchen vom entlaufenen großen Zeh an Míšas linkem Fuß erfunden. Dieser Zeh beschloss, in die Welt zu gehen, weil ihm die vier anderen Freund-Zehlein langweilig geworden waren, und so machte er sich auf und verschwand eines Tages. Ein prima Thema. Und nun stellen Sie sich das Aufsehen am Morgen vor, als die arme Míša aufwacht, aus dem Bett springt und plumpst. Sie wundert sich und schaut, warum sie gefallen ist, das ist ihr doch noch nie passiert. Und wie sie so geplumpst auf dem Teppich am Bett sitzt und auf ihre Füßchen schaut, kommt sie mit dem Zählen nicht hin. Am linken Fuß fehlt ihr der große Zeh. „Mami-iii, mir fehlt das Zehlein!“ wimmert Míša. Mama kommt schnell angerannt, und ja, so ist es. Also suchen sie das Zehlein unter der Decke, unter dem Kissen, im Lego, in den Spielsachen, aber nirgends ist es. „Hast du es verschluckt, Míša?“ fragt Mama. „Nein, das würde mir doch nicht schmecken, es ist ja am Fuß und ist dreckig, das ist doch klar, Mama.“ Und so geschah es, dass Míša eines Tages ihr Zehlein am Fuß verlor.
Und was machte inzwischen das Zehlein von Míšas linkem Fuß? Es stapfte vergnügt durch den Wald, eine Heidelbeere auf eine Fichtennadel gespießt, damit es nicht hungrig war, sprang herum und alberte. Immer wieder sang es vor sich hin: „Mir geht's gut, ätsch. Mir geht's gut, ätsch. Niemand schikaniert mich, niemand tratscht über mich, allein geht's mir besser. Mir geht's gut, ätsch.“ Ameisen weichen ihm aus, Schnecken schauen es an, Vögel piepsen, und Zapfen kullern dem Zehlein lieber aus dem Weg. Und so schreitet es durch diese Waldwelt und posaunt überall, dass es niemanden braucht, auch nicht die Freund-Zehlein des linken Fußes.
Und was sagten inzwischen der Kleinzeh, der Ringzeh, der Mittelzeh und der Zeigezeh des linken Fußes? „Gut, dass er weg ist, der Angeber. Immer hat er sich ausgedacht, wohin wir gehen, und uns nicht berücksichtigt.“ „Genau, genau, er dachte, er sei der Erste in der Reihe, dass immer alles nach ihm gehen muss.“ „Gut, dass er weg ist, uns fehlt er hier überhaupt nicht,“ schimpften und piepsten die anderen vier Zehlein.
Es schien also, als sei alles gut ausgegangen. Míša muss nicht in den Kindergarten und nicht nach draußen, sie kann sich im Bett wälzen, weil sie dauernd humpelt und fällt. Das Zehlein entdeckt die Welt, und am besten geht es ihm allein, weil niemand es anschreit und ihm niemand neidisch ist, und die übrige Linksfuß-Viererbande kann sich endlich tun, was sie will, und so richtig schimpfen. Aber so rosig war es nach einer Weile dann doch nicht.
Nach einer Woche fehlten Míša schon die Freunde aus dem Kindergarten, Bonbons und Fernsehen konnte sie nicht mehr sehen. Sie wollte richtig losrennen, aber weil ihr am linken Fuß das wichtigste Zehlein fehlte, der große Zeh, ging das nicht. Sie humpelte nur und fiel, und deshalb versteckte sie sich lieber zu Hause, so schämte sie sich. Mama und Papa taten alles furchtbar leid, und zu Hause war die Stimmung im Keller.
Kleinzeh, Ringzeh, Mittelzeh und Zeigezeh schwiegen nur noch. Sie sehnten sich nach den Wiesen, dem Summen der Bienen und dem Knacken der Nadeln im Wald, wenn Míša immer barfuß hin und her gerannt war und dabei vor Freude geschrien hatte. Jetzt lagen die Zehlein nur noch im Bett oder starrten mit dem linken Fuß vom Stuhl und rannten nirgendwohin. Wie gern sie an das Zehlein dachten, wie sehr es ihnen fehlte.
Und das Zehlein? Es hatte den Wald kreuz und quer durchstreift, und ihm war traurig zumute. Die Freunde fehlten ihm. Niemand im Wald kümmerte sich um es, alle wichen ihm aus, und so hockte es nur noch unter einem alten, moosbewachsenen Baumstumpf und wimmerte. In einer sternklaren Nacht beschloss es deshalb, zurückzukehren. Nachts keuchte es durch den ganzen Wald zurück ins Häuschen, kroch durch das offene Fenster in Míšas Zimmer, schlüpfte unauffällig unter die Decke, fasste das vertraute linke Füßchen und schlief vor Erschöpfung ein.
Und am Morgen wachte Míša auf, hatte große Angst, wieder zu fallen, setzte die Füße auf den Boden… „Mami-iii, ich laufe schon wieder,“ und sie beschleunigte durchs ganze Zimmer, dass sie nicht zu halten war. Mama und Papa stürmten hinterher und sahen, wie sie lief wie früher, und nahmen sie in den Arm. Sie schauten auf ihr linkes Füßchen und schrien vor Freude: „Du hast ja das Zehlein wieder, Míša.“ „Na ja, es ist zu mir zurückgekommen,“ jauchzte Míša durchs ganze Haus. Schon wieder konnte sie über Wiesen und durch den Wald laufen und ihre Freundinnen sehen.
Und was sagten abends die Zehlein des linken Füßchens? Als die erschöpfte Míša nach einem ganzen Tag Rennen und Springen gebadet unter der Decke ruhte und im Traum die Zehlein aneinander rieb und prüfte, ob wieder eines fehlte, sagen sie: „Gut, dass du zurück bist, Zehlein, du hast uns sehr gefehlt,“ sagten die Zehlein leise. „Auch ihr habt mir gefehlt,“ sagt das Zehlein. „Ich würde euch gegen nichts auf der Welt tauschen, ihr seid meine besten Freunde. Also kommt, ich erzähle euch, wie es in der Welt ist, und morgen führe ich euch hin.“
Auf der Welt ist es nämlich wirklich traurig, wenn ein Mensch oder ein Zehlein seine Freunde verliert. Das ist eines der kostbarsten Dinge auf der Welt. Auch wenn sie manchmal nerven und mürrisch sind. Und dir keinen Leck vom Eis gönnen. Hol's der Teufel – hauptsache, du hast sie.
Das war mein allererstes Märchen zum Thema drei Wörter.
Gute Nacht