Papa, und wie groß sind Waldwichtel eigentlich?
Diese durchaus berechtigte Frage platzte Luky heraus, als wir auf einer Tagestour in Boží Dar unterwegs waren und die ganze Familie mich nach allerlei Einzelheiten aus dem Wichtelwald fragte. Die Welt der Wichtel? Na klar – Sie denken, die gibt es nicht? Aber Sie Naiven, natürlich gibt es sie.
Und also: Wie groß ist so ein Waldwichtel eigentlich?
Nun, er ist kein Riese. Denn wer von den Menschen kann schon sagen, dass er jemals einen Waldwichtel gesehen hat? Ich denke, niemand – oder nur ein paar Aufmerksame. Und die bleiben, wenn sie merken, dass sich irgendeine Wurzel oder ein Zweig oder ein Blatt bewegt hat, zuerst mit offenem Mund stehen und schauen dann verwundert auf die Stelle, wo sie die Bewegung gesehen haben. Und dort ist schon nichts mehr. Der Wichtel ist futsch. Es gibt auch manche Menschlein, vor allem Kinder, die begreifen, dass das ein lebendiges Wesen ist, und gehen immer wieder an diese Stellen und versuchen, dort wieder etwas zu sehen. Ich glaube, das passiert vielen von uns wahrnehmenden Menschen oft.
Es ist doch klar, denn Waldwichtel gibt es so viele, wie es Bäume im Wald gibt. Aber dann ist es merkwürdig, warum in einem so dichten Wald nicht irgendein Wichtel aufpasst, damit ihn zum Beispiel ein Pilzsammler oder spielende Kinder nicht sehen – und sie sehen ihn doch? Oder es muss doch Schelmenwichtel geben, zumindest die Buchenwichtel, Sie kennen sie doch, neugierig wie ein Frühlingswind, und manchmal lugen sie hinter einem Buchenstamm hervor oder versuchen, einem Pilzsammler eine Buchecker genau auf die Nase zu werfen.
Nun, ich glaube, das möchten die Buchenwichtel tun, die Schelme. Auch Wichtel sind neugierige Wesen, aber der Wald schützt sie. Der Wald erlaubt nicht, dass die Menschen von der Welt der Wichtel und Wichtelmädchen wissen. Denn der Wald ist klug, er weiß Bescheid und schützt so auch sich selbst. Denn wenn die Menschlein von den Wichteln wüssten, würden sie vielleicht versuchen, sie zu fangen, und wenn so ein Wichtel verschwände, würde der Baum vor Kummer verdorren und sterben. Und wenn der Baum zugrunde ginge, stürbe auch sein Wichtel, der langsam verdorren würde, bis er schließlich in einen endlosen Schlaf fiele und zuletzt das letzte Mal ausatmete.
Deshalb: Wenn Sie durch den Wald gehen und manchmal eine Bewegung sehen und denken, das sei ein Wind, der mit den Blättern des Baumes auf dem Boden spielt, oder wenn Zweige wie von selbst marschieren, oder wenn Tau aus dem Gras spritzt und nirgends ein Frosch oder eine Heuschrecke ist, die ihn verspritzt hätten, dann ja … Sie sehen einen Wichtel, aber für Ihre Augen ist er unsichtbar. Der Wald schützt ihn. Aber heute wird sein Schutz schwächer. Doch das ist wieder eine andere Geschichte …
Und Papa, siehst du die Wichtel nicht?
Und wer sieht Wichtel oder ihre Bewegung eigentlich am häufigsten? Na, die Kinder natürlich. Sie haben ihren eigenen Kopf und sind der Umgebung und der Natur gegenüber viel wahrnehmungsfähiger als die erwachsenen Menschlein. Und deshalb unterhalten sie sich mit den Wichteln, auch wenn der Wald ihnen nicht antwortet. Irgendwie vertraut wissen sie, dass die Wichtel gerade zu ihnen schauen und zuhören. Sie sitzen gegenüber auf einem Baumstumpf, summen vor sich hin und hören zu. Deshalb wissen die Wichtel sehr gut, was in der Welt der Menschlein geschieht. Dass sie bei diesem Mädchen zu Hause so ein Ding haben, das sie Fernsehen nennen, und dort große Fische anschauen, die sie Wale nennen, dass heute jedem Kind so ein Kästchen aus der Tasche schaut, in das sie ständig irgendetwas tippen und einstellen und klicken. Die Wichtel wissen schon, dass sie das Handy nennen, und wundern sich dabei, warum sie so etwas haben – wohl weil sie kein Pilznetz haben.
Deshalb bauen Kinder im Wald Häuschen
Und deshalb bauen Kinder im Wald den Waldwichteln auch Häuschen. Sie gehen einfach durch den Wald und bekommen die Idee, dass genau diese Wurzel oder genau diese Baumhöhle ein schönes Häuschen brauchen könnte. Sie gehen genau an diese Stelle und fangen an, Zapfen, Zweige, Moos und anderes Baumaterial zu sammeln, und in kurzer Zeit steht ein wunderschönes Häuschen. Die Mädchen legen noch ein Blümchen dazu, ein Vergissmeinnicht oder ein Buschwindröschen. Sie schmücken das Häuschen wunderschön. Die Jungen machen Wege zwischen den Häuschen, und dann ist es eine einzige Pracht. Dabei unterhalten sie sich und sagen … das ist für meinen Wichtel, weil er es gern hat, wenn er abends beim Einschlafen die Sternchen anschaut, deshalb hat er hier mitten im Schlafzimmer ein Loch in der Decke. Und sein Erwachsener fragt völlig unnötig „und was, wenn es in sein Häuschen regnet?“ Der Junge dreht sich zu Papa mit einem völlig verständnislosen Blick, „aber Papa … der Waldwind macht ihm doch dort Glas, und durch das fallen die Tropfen ja nicht hindurch“. Neben der Wurzel sitzt ein Waldwichtel, der sich auf sein neues Sommerhäuschen freut, schlägt sich vor die Stirn und begreift nicht, warum dieser Erwachsene nicht weiß, dass der Waldwind Glas macht. Dummkopf 🙂
Der Wald flüstert dir zu, welches Häuschen du bauen sollst
Wenn nämlich die Kinder der Menschlein in den Wäldern Häuschen bauen, flüstert ihnen der Wald zu, dass sie es bauen sollen. Es ist auf Wunsch der kleinen Wichtel. Der Wald hält dann das Mädchen oder den Jungen an der richtigen Stelle an und lässt es ein wunderschönes Häuschen nach den Vorstellungen des jeweiligen Wichtels oder Wichtelmädchens bauen. Häuschen für Wichtelmädchen bauen die Mädchen, und für die Wichtel dann die Jungen.
Nun, und wie groß sind die Wichtel also eigentlich? Fragt der Papa das Mädchen im Fichtenwald, als sie ein wunderschönes Häuschen mit Vorzimmer fertiggestellt und mit Waldblümchen und Heidelbeeren geschmückt hat. „Na Papa, das ist doch klar, mein Wichtel ist so groß wie dieser Zapfen“ und stellt einen Fichtenzapfen mitten in den kleinen Hof, wo er bestimmt seinen Waldtanz tanzt, winkt ihm zu, als wäre er der Wichtel, greift Papa an der Hand und sie gehen weiter, Pilze suchen. „Und warum hast du da zum Beispiel keinen Schornstein gemacht“, fragt der Papa. „Papa, genau so ein Häuschen wollte mein Wichtel, dass ich es baue, und einen Schornstein brauchte er nicht :)“ Und während die Menschlein weggehen, lugt hinter dem Zapfen, der mitten im Hof des Häuschens steckt, ein Wichtelmädchen hervor, misst sich mit dem Zapfen – und ist genau so groß 🙂 Hmm, merkwürdig.
Und so ahnen Sie wohl schon, warum sich die von Kindern für Wichtel gebauten Häuschen auch in der Größe unterscheiden. Weil die Kinder sie maßgeschneidert für den Wichtel bauen, für den sie es errichten. Auch wenn sie das eigentlich nicht ahnen. Wissen Sie es schon? Na klar 🙂 Wichtel und Wichtelmädchen sind so groß wie die Früchte ihrer Bäume. Die Fichtenwichtel sind so groß wie Fichtenzapfen, die Kiefernwichtel so kräftig wie große Kiefernzapfen, die Weidenwichtel wie Kätzchen, die Buchenwichtel wie geplatzte Bucheckern und die Eichenwichtel wie stattliche Eicheln. Und nach und nach wachsen sie, so wie auch ihr Heimatbaum wächst. Und sie hören auf zu wachsen, wenn auch ihr Baum aufhört zu wachsen. Das ergibt doch Sinn 🙂
Aber lassen Sie sich nicht täuschen. So ein kleiner Eichenwichtel ist stark wie ein Gespann tüchtiger Waldwallache, ein Weiden-Wichtelmädchen ist wiederum ein biegsames und zartes Mädchen wie eine Weidenrute, die Kiefernwichtel packen jede schwere Arbeit richtig an, sie haben ja die Statur dazu, und die Fichtenwichtel sind ziemlich schlanke und hohe Läufer. Sie werden im Wald auch oft als Boten guter oder schlechter Nachrichten eingesetzt.
Ist dir das jetzt klar, wie groß die Wichtel sind? Aber warum ist Ronin anders? Darauf müssen wir bis zu einer anderen Geschichte warten.