Warum weinen Bäume?
Papa, warum weint der Baum? Ich erinnere mich an diesen Satz, als wir vom Hraniční rybník unweit von Kytlice kamen und ich den fließenden Harz-Wasserfall an einer mächtigen Fichte fotografierte. Als ich mich dann in der Umgebung umsah, weinten um uns herum sehr viele Fichten.
Wie eine Gruppe von Freunden, die dort zusammen kochen und gerade eben Zwiebeln geschnitten haben. Aus den Stämmen sprudelten Geysire weißen Harzes. Und es sah so aus, als würden sie weinen. Heute stehen diese Bäume dort leider nicht mehr, der Borkenkäfer hat sie zerstört und die Förster haben sie gefällt.
Wenn den Bäumen Harz, volkstümlich Pech, aus Rissen und Hohlräumen in der Rinde des Stammes fließt, wurde der Baum an dieser Stelle verletzt oder befallen. Sehr gut sieht man das jetzt in Wäldern, wo befallene Bäume geerntet werden und die Bäume durch die Holzernte stark „abgeschürft“ sind. Im gesunden Wald fällt aber auch ab und zu von selbst oder durch den Wind ein trockener Ast eines Nachbarn. So ein Ast kann durchaus eine meterlange Schramme in der Rinde des benachbarten Baumfreundes hinterlassen. Ein Baum kann einem fallenden Ast nicht ausweichen, wie ein Mensch. An der offenen Wunde treten sogleich Harztropfen aus, und der Baum versucht so, die Wunde zu schließen, mit Harz zu verkleben, damit keine Infektion eindringt. Die Harzkanäle, durch die im Holz der Bäume Harz – Pech – fließt, laufen auf Hochtouren und transportieren eilig Liter von Harz an die beschädigte Stelle. Der Baum repariert sich so selbst und versucht zu heilen. Die Natur ist mächtig.
Aber manchmal ist die Verletzung so groß, dass der Baum es allein nicht schafft, an der verwundeten Stelle beginnt er zu verdorren, oder in die offene Wunde gelangen innerhalb weniger Minuten Pilzsporen oder verschiedene Bakterien, und der Parasit nistet sich ein. Und er wächst und wächst wie Schimmel, und der Baum leidet langsam an dieser Entzündung und stirbt ab. Es dauert auch Jahrzehnte, bis ein so erschöpfter Baum unterliegt. Manchmal gelingt es dem Baum jedoch, die Wunde zu schließen und den Parasiten in sich zu ersticken.
Das ist, als hätte ich mir das Knie aufgeschürft
Genau so. Wenn sich zum Beispiel ein kleiner Junge bei seinen Abenteuern das Knie aufschürft, erscheinen sogleich kleine Tröpfchen einer weißen Flüssigkeit, Gewebewasser, zusammen mit Blutkörperchen. Da beginnt die Haut des kleinen Jungen sich sofort zu reparieren, und der Körper wehrt sich gegen eine mögliche Infektion. Schnell, damit kein Virus es merkt, schnell, schnell. Und wenn auf dem verletzten Knie endlich ein harter Schorf erscheint, ist es geschafft.
Genau so ist es bei den Bäumen. Sie versuchen schnell einen Harzschorf auf ihrer Rinde zu bilden, damit keine Infektion, kein Pilz oder etwa parasitische Insekten eindringen.
Und kann sich ein Baum wehren? Etwa gegen den Borkenkäfer?
Die ganze Polemik um den heute allgegenwärtigen Borkenkäfer ist ziemlich kompliziert, und ich habe auch nicht so viel Wissen, um sie bewerten zu können. Ich kann nur von meinen Erlebnissen schreiben und vielleicht ein wenig nachdenken. Den Borkenkäfer gab es in unseren Wäldern von jeher. Er suchte schwächere Exemplare. Und wenn er welche fand, nistete er sich ein. Ein gesunder Baum ist auf einen solchen Eindringling jedoch vorbereitet. Er kann sich seine Kräfte für das ganze Jahr einteilen, wächst immer ein wenig, ein Teil der Nährstoffe für das Wachstum und seine Blätter, ein Teil für seine guten Pilz-Freunde und ein Teil für die Verteidigung. Wenn dann ein Insekt unter die Rinde eindringt, sich einzubohren und Insektenwege zu graben beginnt, wehrt sich der Baum sofort. Der Baum schnaubt nur, rauscht mit den Zweigen und lässt an der Stelle des Insekten-„Stichs“ seine Antibiotika los und tötet den Eindringling. An der verwundeten Stelle beginnt Saft mit Harz zu fließen, so verklebt und bewegungsunfähig macht er das Insekt. Er verklebt ihnen die Atemöffnungen und zerstört das Insekt. An der mit Harz überzogenen Stelle entsteht so ein heilender Schorf. Und wenn viel Harz nötig ist, fließt es dann an der Stammoberfläche in großen Harzflüssen. Und so sieht es aus, als würde der Baum weinen.
In meinem Lieblingsbuch von Peter Wohlleben „Das geheime Leben der Bäume“ führt Peter im Kapitel „Der kranke Baum“ an, dass der Baum Antibiotika von brutalem Kaliber zur Verfügung hat, sogenannte Phytonzide:
„Der Leningrader Biologe Boris Tokin beschrieb bereits 1956 folgendes Phänomen: Gibt man zu einem Wassertropfen, in dem Einzeller leben, eine winzige Menge zerriebener Fichten- oder Kiefernnadeln, sterben die Lebewesen im Nu.“
Deshalb duftet der Wald auch so schön. Die Bäume, die ihre phytonzide Desinfektion ausscheiden, machen den Wald eigentlich steril.
Warum gewinnt der Borkenkäfer trotzdem?
Die Borkenkäferkalamität hat in den letzten Jahren bereits die ganze Tschechische Republik durchlaufen. Meine Lieblingsorte, wo gesunde Wälder wuchsen, sind heute nur noch gerodete Kahlschläge. Auf den Wegen türmen sich enorme Haufen geschlagenen Holzes. Haufen einst gepflanzter Fichtenplantagen, die heute abgeerntet sind – von den Förstern so die Waldäcker abgeerntet. Es ist traurig. Von den Orten, die ich vom Pfadfinderlager im Lausitzer Gebirge kenne, sind heute kahle Stellen. Den wärmenden Wald im Údolí klikatých vod an der Staatsgrenze gibt es nicht mehr. Den Wald, in dem wir bei der Slunečná paseka bei Pelhřimov Nachtspiele spielten, … gibt es nicht mehr.
Immer wenn ich an eine stille, warme Nacht auf der Slunečná paseka denke: Wir spielten im Sommerlager ein Nachtspiel, bei dem die Kinder als Entdecker neue Gebiete zur Besetzung suchten und so leise wie möglich den im Wald angebrachten Lichtern folgten. Ich hatte einen Posten tief im Wald, beleuchtet nur von zwei Knicklichtern. Sonst völlige Dunkelheit. Eine magische Nacht und Stille. Ich sitze unter einer mächtigen Fichte und spüre die Waldmagie. Und ich höre die Nadeln schneien. Der ganze Wald starb. Ich saß dort allein und wartete auf die ersten Kinder, bis sie diesen Ort finden, und in meinen Kopf fielen Nadel um Nadel, und der Wald rauschte so traurig. Heute steht dieser Baum nicht mehr. Nur ein großer Stumpf. Dieses Jahr bin ich im Lager noch einmal an diese Stelle gegangen, um mich zu erinnern, aber es war eine traurige Erinnerung.
Warum gewinnt der Borkenkäfer also, wenn sich jeder Baum wehren und das Insekt im Nu töten kann? Weil die Bäume dafür keine Kraft mehr haben. In den letzten Jahren war es so trocken, dass die Fichten nicht genug Feuchtigkeit hatten. Und wenn ein Baum kein Wasser hat, verdorrt er. Und wenn er kein Wasser hat, kann er nicht mehr so viel Harz produzieren, das alle natürlichen Feinde vernichten würde. Und auf diesen Moment hat der Borkenkäfer gewartet. Als er merkte, dass die Bäume sich nicht mehr wehren können, griff er an.
Und da der Borkenkäfer vor allem Nadelbäume befällt, war sein Angriff und die Zerstörung hier schnell. Die ursprünglichen Mischwälder, früher auf unserem Gebiet so üblich, sind heute in der Minderheit. Der Borkenkäfer kann bis zu 300 Meter von Baum zu Baum gelangen, so zog er durch die tschechische Landschaft wie ein Messer durch eine Geburtstagstorte. Nichts stand ihm im Weg. Und als endlich eine regenreichere Zeit und die so nötige Feuchtigkeit kamen, war es schon zu spät.
So gehe ich wenigstens auf die Kahlschläge, um mir die neu gepflanzten Bäumchen anzusehen. Sie wachsen schnell, weil ihnen keine großen Kronen ihrer Verwandten im Weg stehen. Sie schießen so schnell wie möglich der Sonne entgegen, Hals über Kopf, Krone hin oder her. Und es ist gut, dass meistens als Mischwald, Laubbäume mit Nadelbäumen. Ich drücke ihnen die Daumen, dass sie viel Kraft haben. Und Wasser.
Und warum sagt man: Du hast aber Pech
Das würde mich auch interessieren. Vielleicht ist das Sprichwort heute ein wenig in der Bedeutung verdreht. Aber ich nehme Pech als eine großartige Sache, die die Natur zur Verteidigung aller Bäume erfunden hat. Den Menschen diente sie immer als Material für Fackeln, und dank ihr konnten sie sich auf ihrem Weg durch die Geschichte Licht machen, sie wird in der Kosmetik oder in der Schmuckherstellung verwendet. Vielleicht haben Sie vom geheimnisvollen Bernsteinzimmer gehört? Oder besser gesagt Harzzimmer. Geiger können uns dank des Harz-Kolophoniums wunderschöne Melodien auf ihren Streichinstrumenten spielen. Und wie wir alle wissen, klebt Pech gut und klebt fast alles fest.
Also: Auch wenn es aussieht, als würden Bäume weinen, sind es in Wirklichkeit eher Freudentränen.